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Raif Toma Newbie


Anmeldung: 10.11.2006 Beiträge: 33

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Die Rolle der nationalen Identität und die Frage der Ethnizität
Das Thema um die Probleme der nationalen und kulturellen Erhaltung von indigenen Völkern und speziell die nationale Identität unseres Volkes, wird in der Gegenwart wie auch in der jüngeren Vergangenheit häufig diskutiert. Es wird eine "Krise der Identität" angenommen. Inzwischen bildet sich in meinen Augen eine gefährliche Richtung, nämlich die Existenz einer kontinuierlichen Nation, der kulturellen Identität und nationalen Zugehörigkeit zugunsten territorialer, konfessioneller sowie der Verbandszugehörigkeit in Frage zu stellen.
Dieser Beitrag wendet sich dem Thema der Entstehung und dem Wandel in dem Denken im Bezug auf die nationalen Identität, sowie ihre Rolle in der Gesellschaft zu. Es ist mir ferner dabei wichtig, die Frage der nationalen Erweckung und die Möglichkeiten des Erhaltungsprozesses zu behandeln. Dabei stellen sich drei grundlegende Fragen: Was ist nationale Identität? Wie wird diese durchgesetzt und wie wird sie von unserem Volk angenommen?
Aus diesen drei Fragen ergibt sich eine Dreiteilung dieser Untersuchung in folgende
Hauptpunkte:
1. Die Definition der nationalen Identität.
2. Die Um- bzw. Durchsetzung der nationalen Identität.
3. Die Annahme, Entwicklung und Auswirkung dieser Identität.
Nationale Identifikationen sind „(…) retrospektiv als eine spezifisch moderne Form der Solidaritätsbildung anzusehen, die seit der neuzeitlichen Entstehung des Territorialstaates als globale Norm diffundiert ist“ . Mit der Moderne, nehmen auch Zugehörigkeiten an Bedeutung zu, die zu einer christlichen, ost-christlichen Identität, bzw. auch als Weltbürger einer zerstreuten Nation. Diese Zerstreuung und die begleitende gesellschaftliche Zerstrittenheit, beschleunigen die Assimilation, auch wenn es versucht wird die Sprache als grundlegendes kulturelles Attribut von der nationalen Identität, oder als Kirchensprache zu pflegen. Sozialwissenschaftler wollen jedoch in der dritten Generation ein Wiederaufleben der nationalen Identität sehen.
Meines Erachtens bildet sich diese nationale Identität heute aus den verschiedenen Rollen und ist auch ein Schnittpunkt dieser konfessionellen-, regionalen-, Verbands- und dörflichen, sowie Stammesrollen. Doch gewiss stellt sie mittlerweile bei einem großen Teil unseres Volkes eine übergeordnete Rolle bzw. auch eine übergeordnete Identität dar.
Die Geschichte wird bedeutsamer. Die ´Reflexivität´ der Geschichte bedeutet, dass das kulturelle Gedächtnis an die Geschichte des ruhmreichen syro-mesopotamischen Raumes, eine Reflexion eines Volkes und seines Selbstverständnisses darstellt. Es wird auch an das gemeinsamen Leiden gedacht, sei es in der Zeit vor dem Genozid, während dessen und auch danach, bis hin zu dem unerträglichen Leid im Irak heute. Die sprachliche Identifikation wird weiterhin stärker. Die gemeinsame Abstammung , eine identitätsstiftende gemeinsame Heimat und verwurzelte Kultur binden die meisten Gesellschaftsmitglieder. Es wurde ein stärkeres Wir-Gefühl entdeckt und sich in der Masse, insbesondere in den Fragen rund um den Genozid, das Kloster Mar Gabriel und die Verfolgung und Vertreibung im Irak etabliert. Die Frage, ob es sich dabei eher um eine ethno-religiöse Identität handelt ist gewiss gerechtfertigt.
Professor Simo Parpola, (Universität Helsinki) schreibt in seiner Studie „National and Ethnic Identity in the Neo-Assyrian Empire and Assyrian Identity in Post-Empire Times“ : „(…) wir können sicher sein, dass die assyrischen Könige systematisch und konsequent bemüht waren, die Massen von Menschen, die sie in einer einzigen Nation regierten zu vereinheitlichen. Der Name des Landes, "Land von Assur", konnotiert ein Reich Gottes, abgesondert vom Rest der Welt. Es war ursprünglich nur eine Provinz um die Stadt Assur, wuchs jedoch mit dem Zusatz von neuen Provinzen. Jede neue Provinz wurde zu einem integralen Bestandteil des ursprünglichen "Land von Assur" verwandelt, und ihre Völker wurden zu regelmäßigen assyrischen Bürger (Stute oder nise Matte Assur, oder einfach Aššūrāyē) mit vollen Bürgerrechten und Assyrer obligations. (Postgate 1975).“
In der Antike, als die Bürger des Reiches in mehreren Generationen zusammenlebten und vorher teilweise „(…) verschiedene Bräuche praktizierten, verschiedene Sprachen sprachen und verschiedene lokale Götter verehrten, aber alle von ihnen verpfändeten Treue zu den gleichen König, verehrten die gleichen nationalen Götter, und sprachen die gleiche Landessprache , imperial Aramäisch! Diese war nicht die Sprache, der ethnischen Aramäer, sondern war eine Schöpfung des Reiches, eine lingua franca aus der Interaktion der zahlreichen Volksgruppen geboren und daher dient als verbindendes anstatt Trennfaktor, laut Parpola. Meines Erachtens ist die Phase, wonach diese Nationalsprache als Ursache einer Nationenbildung wirkte schon lange vorbei.
Parpola schreibt in der selben Studie ferner, dass nach dem Zerfall des Seleukidenreiches im Jahre 130 v. Chr., mehrere unabhängige mesopotamischen Reiche entstanden (Osrhoene, Adiabene, Hatra, Assur), die auch die bis in das dritte Jahrhundert n. Chr. reichten. Diese sollen die alten religiösen und kulturellen Traditionen aufbewahrt haben. Ab dem vierten Jahrhundert so Parpola, wurde das Christentum ein wesentlicher Bestandteil der assyrischen Identität.
Es wird fast in allen Ländern festgestellt, dass die konfessionellen Fesseln die Stärkung der nationalen Identität bremsen. Sie fördern eher eine konfessionelle Identität oder ein ost-christliches Wir-Gefühl, was nicht immer unproblematisch war. Diese Fesseln, werden in naher Zukunft an Durchsetzungsvermögen verlieren werden, wenn sie mit den nationalen Interessen inkompatibel bleiben. Sie konnten bis jetzt wie auch aus Erfahrungen anderer Völker das erwachte konfessionsunabhängige Nationalbewusstsein und die hervorgehobene nationale Identität nicht aufhalten. Es setzt sich einen kontinuierlichen Nationalismus im pan-mesopotamistischen Sinne durch. Im Mittelpunkt dieses Gedankengutes steht die Auffassung vom syrischen Christentum und von dem einen Glauben, doch auch von der Ursprungsheimat, als eine historische Heimat einer verwurzelten Nation. Ein Nationalismus dessen Grenzen mit dem Patriotismus ineinander verschmelzen und mit der Ostchristlichkeit an sich zu verbinden ist, sowie stark mit der christlichen Nächstenliebe verbunden ist. Manche Denker entdeckten Nationalismus und Neonationalismus.
Die pan-mesopotamistischen Gedankenwerte, konnten im Laufe der Zeit die gesamte Identität unseres Volkes zusammenfassen: seine Zugehörigkeit zu der einen historischen Heimat der Vorfahren, zu den Ostkirchen und zu dem einen Volk, mit der gemeinsamen Abstammung, der gemeinsamen Geschichte und kulturellen Erbe. Diese Verbundenheit drückt sich in der gemeinsamen syrischen Sprache aus. Auf der Basis dieser gemeinsamen Merkmale entwickelte sich eine Identitätsbildung.
Die Phase der Identitätssuche ist für einen Großteil der Gesellschaft noch immer nicht abgeschlossen. Die Identitätssuche an sich vollzog sich schon in den letzten fast einhundert Jahren kontinuierlich und begann unter osmanischer Herrschaft in einer feudalen Gesellschaft, die in Ihrer Rückständigkeit eine nationale und bürgerliche Umwälzung erschwerte. Die „Nationale Wiedergeburtsbewegung" konnte zwar eine Kontinuität stiften, sowie pan-mesopotamistische Gedanken und Gefühle und einen wachsenden nationalen Zusammenhalt fördern, aber sie reichte nicht zur nationalen Neuformierung weg von der innergesellschaftlichen konfessionellen Herrschaft der Kirchen aus - schon gar nicht zur Erlangung der nationalen Rechte, bzw. zur Staatsgründung nach dem Zerfall des osmanischen Reiches.
Im arabisch-islamischen Reich und später in dem osmanischen Reich war die Duldung der kirchlichen Millets, soweit diese ihre Steuern als Kompensation für den "Schutz" zahlten, kein Zeichen religiöser Toleranz, sondern eher ein Weg zur Integration in der bestehenden islamischen Umma, mit dem Ziel sie zukünftig zu islamisieren. Um sich der Diskriminierung als Schutzbefohlene zu entziehen, bzw. Massakern und später ein Genozid zu vermeiden, sind viele zum Islam übertreten. Damit ging jedoch die nationale Zugehörigkeit Dieser zugrunde. Mit der Gründung der jungen Nationalstaaten im Nahen Osten änderte sich das Ziel zu einer Zwangsarabisierung, die sich graduell ereignen sollte.
Die Zerstörung des ursprünglichen Charakters der Ursiedlungsgebiete spielte eine negative Rolle zur Entstehung des Nationalbewusstseins. Die pan-mesopotamistischen Gedanken konnten eine wirkungsvolle Position zur Bildung eines Nationalbewusstseins und zur Entwicklung einer nationalen Identität nehmen. Diese bildete damals der Kern der Nationalbewegung.
Die nationale Identität sollte keine Grenzen bilden, sondern ein Ausgangspunkt zur Aufklärung und zur Lösung vieler Probleme unserer Gesellschaft sein.
Die ethische Bindung und die mit den Jahrhunderten sich etablierenden Werte und Traditionen, bieten meines Erachtens Grundlagen der kulturellen und gesellschaftlichen Orientierung. Zwar wird im Exil auch eine wachsende Nachlässigkeit der Verbindlichkeit zu diesen Werte und Traditionen festgestellt, doch diese Grundlagen prägen gleichzeitig das Handeln in der Gesellschaft und übernehmen eine leitende Rolle auf kultureller Ebene. Diese beeinflusst durchaus auch die politische und die gesellschaftliche Entwicklung! Die nationale Heimat- und die sprachgebundene Identität waren nicht nur auf kultureller Ebene, sondern ergänzen sie sich durch die ethnische Bindung mit einer ethnischen Identität, wodurch sie nach außen einen exklusiven, doch noch keinen integrierenden Charakter aufweisen kann. Ob dies auch als eine kollektive Identität zu bezeichnen sein mag, muss noch erörtert werden. Dennoch ist es wichtig, dass diese nationale Identität aufs Neue bestätigt werden muss, oder sie wird durch Auswanderung und Assimilation ganz verloren gehen. Durch das Bewusstmachen einer Zugehörigkeit zu einer nationalen Gruppe mit allen ihren Merkmalen, kann eine staatenlose Nation von der Assimilation bewahrt werden. Doch diese allein kann diese Nation nicht vom Sterben sowie von der physischen Vernichtung und Vertreibung ihres Volkes schützen!
Raif Toma
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Fußnoten
1- Özkan Bucakli (RWTH-Aachen, Institut für Soziologie): Die Rekonfiguration kollektiver Identitäten in der postnationalen Konstellation. http://www.gradnet.de/papers/pomo01.paper/Bucakli01.htm
2- Schon im neuassyrischen Reich Die gemeinsame Religion, Kultur, Weltanschauung und Wertesystem, und vor allem die gemeinsame einigende Sprache (Aramäisch) wirksam gesetzt Assyrien abgesehen von dem Rest der Welt und erzeugt ein Gefühl von Einigkeit und Solidarität innerhalb des Landes (vgl. Alba 1990, 17-18). Die inhärente Vorstellung von "uns" gegen "alle anderen", die mit dieser Dichotomie-aramäischen kam, war tatsächlich nicht gesprochen außerhalb des Empire-stimmten gut mit der dualistischen Ideologie des Reiches, die Assyrer als das Reich Gottes Auftrag zur Verbreitung der Säge Licht der Zivilisation in die Welt ihn umgebenden (Oded 1992).
3- Simo Parpola schreibt in, ASSYRIAN IDENTITY IN ANCIENT TIMES AND TODAY: „aus rechtlichen Dokumente aus Assur, Ninive und Dur-Katlimmu am Habur aus den letzten Jahrzehnten des Kaiserreichs schweigen von zahlreichen assyrischen Bürger bestimmte oder bestimmbare als Ägypter, Israeliten, Araber und Iraner Anatolier auf der Grundlage ihrer Namen oder die ethnische Etiketten mit ihnen verbunden“. Hier werden keine Aramäer, Sumerer, Akkader oder Babylonier als ausländische Völker, die im assyrischen Reich lebten betrachtet. Ferner schreibt Prapola, dass die Umsiedlung von Völkern und Stämme in Assyrien, und die damit verbundene Reorganisation der eroberten Gebiete als assyrische Provinzen, große Anzahl von Völker „ (…) sich einen direkten und ständig steigenden assyrischen kulturellen Einfluss unterzogen haben. Hierzu zählten unter anderem die Einführung von Steuern, Militärdienst und einen einheitlichen Kalender (…)“
4- Journal of Assyrian Academic Studies, Vol. 18, no. 2, 2004
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