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Anmeldung: 09.02.2007 Beiträge: 5659
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immer schon haben Christen in der Ebene von Niniveh gelebt. Dort haben sie eine Zukunft, sagen ihre deutschen Freunde. Bagdad und Basra dagegen - blanker Terror. Da hilft nur die Abreise - wenn es sein muss, nach Europa.
Horst Oberkampf kennt die grausamen Geschichten aus dem Mund der Kinder und Verwandten, die es erlebt haben. Die den Kopf des Vaters morgens vor der Haustür fanden. Entführt und ermordet, weil sie Christen waren und weil Christen in Bagdad und Kirkuk und Basra als reich gelten. Aber die Familien konnten so viel Lösegeld nicht zahlen. Anderen wurde ein Zettel unter der Tür durchgeschoben: Für Christen sei im Irak kein Platz mehr. Sie hätten binnen 48 Stunden zu gehen. Oder ihre Töchter wurden abgefangen und vergewaltigt. Der evangelische Pfarrer Oberkampf aus Bad Saulgau lebt seit 2005 im Ruhestand. Seit 17 Jahren pflegt er Kontakte mit chaldäischen, syrischen, syrisch-orthodoxen und armenischen Christen im Irak und angrenzenden Ländern.
Am vergangenen Mittwoch ist er von seiner fünften Reise in den Nordirak zurückgekommen, zusammen mit zwei Kollegen aus der württembergischen und drei aus der bayerischen Landeskirche. Auch sie engagieren sich schon lange für die Christen im Irak; die bayerische mittlerweile seit elf Jahren. Sie wollen nicht mit ansehen, wie die größte Flüchtlingskatastrophe in der Region seit der Palästinakrise 1948 ihren Lauf nimmt und die Verzweiflung schürt. Insgesamt, schätzen die Vereinten Nationen, befinden sich 4,5 Millionen Iraker auf der Flucht; die Hälfte im eigenen Land. Von den 1,5 Millionen Christen im Irak ist offiziell die Hälfte geflohen, wahrscheinlich sind es weit mehr. Und die Flüchtlingszahlen steigen, langsamer zwar, aber sie steigen.
Während Erika Steinbach, die Menschenrechtsbeauftragte des Bundestages, und Innenminister Schäuble Deutschland darauf vorbereiten, ein Kontingent von Flüchtlingen aufzunehmen, hat Oberkampf eine weitere Botschaft mitgebracht: "Es gibt Lebensmöglichkeiten für Christen im Irak." Vor allem im Norden, in der Niniveh-Ebene, wo schon seit fast 2000 Jahren Christen wohnen, und in Kurdistan, das einen Autonomiestatus erhalten soll. Er berichtet von Gesprächen mit Sargis Aghajan, dem Finanzminister der Region Kurdistan. Der hat ganze Dörfer wieder aufgebaut, vermutlich mit amerikanischem Geld, "es wäre unhöflich gewesen, danach zu fragen".
Jetzt bräuchten die Christen, die Bewohner und die aus Bagdad und Basra - "dort ist die Hölle", sagt Oberkampf - Arbeit, Schulen und Busse, die sie aus den Dörfern dahin bringen. "Es gibt viel Hoffnung", sagt auch der bayerische Oberkirchenrat Michael Martin. "Wir haben Mut und Entschlossenheit gespürt, beim Wiederaufbau des Landes mitzuwirken." Auch die einheimischen Kirchen hätten damit begonnen, ganze Dörfer für Christen wieder aufzubauen. Die deutschen Kirchen arbeiten mit einheimischen Hilfsorganisationen zusammen, der kirchlichen "Christian Aid" und der politischen "Assyrian Aid Society". Die Christen, sagt Oberkampf, sind die älteste indigene Minderheit im Land. "Wir dürfen sie und ihre Siedlungsgebiete nicht aufgeben." Die Gruppe will jetzt bei Erika Steinbach und anderen Bundestagsabgeordneten vorsprechen.
Die Kirchen wollen ihre Hilfsprogramme ausweiten. Die bayerische Kirche hat in zehn Jahren für 200.000 Euro Lehrbücher und Gotteshäuser finanziert, aber auch Kliniken, eine Schneiderei, eine Zahnarztpraxis und ein Schafzuchtprogramm. "Jetzt muß Entwicklungshilfe fließen", meint Oberkampf. Er selbst setzt die Hilfsprojekte seiner Kirchengemeinde auf seiner Internetseite fort. "Wir wollen dazu beitragen, Feindbilder zu überwinden und ein Zusammenleben der Christen mit anderen Ethnien möglich zu machen", sagt Kirchenrat Thomas Pietro Peral, der in der bayerischen Kirche für Ökumene und Weltverantwortung zuständig ist.
Im Mittel- und Südirak sieht die Situation allerdings völlig anders aus, berichtet Martin: "Aus Bagdad und Mossul fliehen Christen vor Attentaten und Übergriffen entweder in ihre alten Dörfer oder in neu errichtete im Norden." Oder in die Nachbarländer Syrien und Jordanien und nach Europa und Übersee. "Das ist eine Flucht ohne Rückkehrmöglichkeiten."
Davon gibt es kaum Bilder, sodaß sich das Problem erst allmählich in den Köpfen verankert. Es versteckt sich in den Straßen von Damaskus und Amman, wo die Flüchtlinge in Häusern von Freunden und vor allem in Mietwohnungen unterkommen, solange die Überweisungen der Verwandten noch reichen.
Doch in Damaskus haben sich die Lebensmittelpreise seit Beginn des Flüchtlingsdramas vor eineinhalb Jahren fast verdoppelt. Die Gottesdienste sind so gut besucht wie nie, berichten Besucher aus der syrischen Hauptstadt. Im benachbarten Jordanien, heißt es, dürfen die Flüchtlinge sogar arbeiten - als Straßenkehrer und Lagerarbeiter, in den untersten Berufsgruppen. Syrien hat rund 1,5 Millionen Iraker aufgenommen, Jordanien die Hälfte, darunter schätzungsweise zehn Prozent Christen. Doch Jordanien hat im letzten Juli, Syrien im September die Aufnahmepraxis verschärft.
Ab und zu werfen Nachrichten wie die von der Ermordung des chaldäischen Erzbischofs von Mossul, Paulos Faraj Rahho, ein Schlaglicht auf die Situation. "Wir rennen um unser Leben", sagte eine Christin zu Erika Steinbach. Nach Syrien und Jordanien haben Ägypten, der Iran, der Libanon und die Türkei ihre Tore geöffnet. Wie viele in die USA, nach Kanada und nach Großbritannien geflohen sind, ist unbekannt.
Neunzig Prozent der Flüchtlinge sind nach Einschätzung der Vereinten Nationen schwer traumatisiert. Ihnen fehle jede Perspektive, heißt es. Die Flucht hat oft viel gekostet, das Leben im Ausland frißt das Vermögen auf. Die Christen wollen oft weiter in ein westliches Land. In Berlin haben sich die meisten Schranken für eine Lösung geöffnet. Letzte Woche lenkten auch SPD und Grüne im Bundestag ein und unterstützen jetzt Innenminister Schäuble. Der hat auf Stimmen wie die des katholischen Hilfswerks Missio gehört und will nicht nur Christen aufnehmen. "Das wäre ein falsches Signal und auch schlecht für die Christen vor Ort", sagt der Missio-Nahostexperte Otmar Oehring. Auch die katholischen Bischöfe plädierten in einem Gespräch mit der SPD für die Aufnahme von Flüchtlingen ohne Einschränkung - je nachdem, wer am dringendsten Hilfe braucht.
Schäuble will eine EU-weite Kontingentlösung erreichen, aber im Notfall auch allein handeln - nach dem Vorbild Schwedens. Fast. Dort leben in Södertälje vor den Toren Stockholms neben 80.000 Einwohnern rund 6.000 irakische Flüchtlinge, mehr als in den USA und Kanada zusammengenommen. Mit früher gekommenen assyrischen Christen und anderen stellen sie ein Viertel der Bevölkerung. In Schweden können Flüchtlinge ihren Zielort selbst bestimmen. Und obwohl man in Södertälje jetzt schon eigentlich keine Wohnung mehr bekommt, richtet sich die Stadt in diesem Jahr auf noch einmal tausend Flüchtlinge ein.
rhm
Quelle: rhein-Main-Zeitung 16. Juni 2008
Khaya Ashur - Ashur Is Alive And Will Never Die
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